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Kapitel I Teil I

Die Helligkeit, die urplötzlich durch einen Spalt weit oberhalb meines Kopfes drang, ließ mich zusammenzucken. Erschreckt war ich nicht, mehr ... unvorbereitet. Ich hatte es gewußt, instinktiv, ich hatte gewusst, dass irgendwann etwas derartiges passieren würde. Ich kniff die Augen zusammen und vergrub mich in mir. Leicht zitterte ich und harrte einen Moment, bevor ich begann, langsam, ganz vorsichtig meine Lider zu heben. Stück für Stück. Das erste "Licht", das ich klar wahrnahm, prallte sanft auf meine Netzhaut. Ich lächelte leicht und mein Atem beruhigte sich. So zusammengekauert harrte ich eine lange Zeit in meiner Ecke, verträumt und in wunderbare Gedanken versunken.
Dann, stand ich auf. Meine Beine waren es nicht gewohnt eine solche Last zu tragen und bebbten ein wenig. Ich hatte zu hocken gepflegt, um möglichst intensiv wahrnehmen zu können, was um mich herum geschah. Oft hatte ich nur still gelauert. Und das konnte ich. Diese Möglichkeit war mir gegeben. So wie diese, war mir Zeit gegeben. Von Anfang an. Ich war nicht dumm. Ganz im Gegenteil. Ich hatte die Zeit in mir, in meiner eigenen kleinen Finsternis genutzt um - ganz einfach - zu denken.
Ich war mir selbst bewusst; ich wusste, wer ich bin.
Gestanden hatte ich schon. Doch gelaufen?
Natürlich kannte ich hier jede noch so kleine Ecke. Hier war mein Heim. Ich kannte den Geruch, den Geschmack jeden Winkels. Ich hatte das alles schon "gesehen" in meiner Dunkelheit. Und doch war es etwas anderes, meine Umgebung mit vereinten Sinnen wahrnehmen zu können. Immernoch umspielte ein Lächeln meine Lippen.
Ich wußte wie es geht! Ganz sicher. Leise sprach ich zu mir. Du weißt es, du schaffst es, du kannst das alles! Probiere es. Wie lange hast du auf diesen Augenblick gewartet? Gewartet? Warten? Nein! Gewartet hatte ich noch nie. Alles kam zu seiner Zeit: Das Gehör, das Öffnen der Augen, das Geräusch, welches ich eines Tages empfunden hatte. Das alles war gekommen, als es kommen sollte. Darauf gewartet hatte ich zuvor nicht. Das entsprach nicht meiner Person.
Ich hob einen Fuß ein kleines Stück.
Mit einem dumpfen, ohrenbetäubenden Schlag prallte ich auf den Boden auf. Etwas verwirrt sah ich mich um. Mein Bein hatte sich gedreht und ich lag auf dem Rücken. Nach oben starrend. Zunächst ausdruckslos. Im zweiten Moment weiteten sich meine neuen Augen. Mimik konnte man meine Veranstaltung wohl noch nicht nennen. Das hatte ich bisher nicht nötig gehabt und sah auch nicht ein wozu etwas derartiges dienen sollte.
Über mir war etwas. Eine andere Welt? Zumindest eine Art zweiter Boden, der ebenselbiges Muster besaß, wie der steinerne, dem ich nun meinen Rücken bot. Ich grinste. Klar! Allerdings konnte ich nun die Entfernung sehen, die zwischen Grund, Spalt und Obigem bestand. Ich sollte dazwischen gut Platz finden. Ich kroch - das war ich eher gewohnt, wie auch meine Muskulatur - zur Stirnseite, von der das Licht fiel. Die Hände legte ich an die Wand um mich daran abzustütz... waren dies meine Hände? Klein und blass wurden sie von mir betrachtet. Wie viel Zeit muss es gekostet haben, sie so fein zu machen. Wie lange habe ich eigentlich schon geharrt? Und wieso mache ich mir über die Zeit Gedanken, stelle sie in Frage? Sie war mir doch immer günstig gewesen.
Ich kniete mich vor die Vertikale und betrachtete die mir gegebenen Finger. Fingerchen passte hier besser. Doch sie liessen sich fein bewegen. Kunstvoll sah dies aus. Ich lächelte. Wundervoll. Ich drehte und wandte sie vor meinen Augen, spielte lustig. Dunkle Adern durchzogen die weißen Innenseiten meiner Handgelenke. Ich stellte mir vor, das Blut darin pulsieren zu sehen. Rot und heftig wurde es durch meinen Körper gepumpt.
Langsam krabbelten und kraxelten sich die dünnen Glieder meiner Hände an der Wand entlang, nach oben. Schnell hatte ich mein Ziel erreicht. Die Augen hatte ich auf halben Weg verschlossen. Ich spürte Wärme und Helligkeit durch die dünne Haut, die den Apfel bedeckte. Mein Gesicht wurde warm und ein wohliges Gefühl durchströmte meinen Körper. Kaltes Eisen an dem meine Hände hielten.
Ich hob meine Lider. Vorsichtig. Meine Wimpern hielten noch für wenige Momente die Klarheit ab. Und dann sah ich. Zum ersten Mal in meinem Leben. Die Welt.

 

23.11.06 21:01
 


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